Kreislaufwirtschaft im Bauprojekt beginnt vor dem Materialentscheid
Warum Kreislaufwirtschaft Prozess- statt Materialinnovation bedeutet
Unternehmensbereich: Nachhaltigkeit & Kreislaufwirtschaft | Zirkuläres Bauen
Ein Beitrag von Florian Robineck
In der Schweiz führen wir seit Jahren Debatten über nachhaltiges Bauen, zirkuläre Baustoffe, energieeffiziente Prozesse und die Wiederverwendung ganzer Bauteile. Aus meiner Erfahrung in der Bauwirtschaft und in Transformationsprojekten zeigt sich: Der grösste Hebel der Kreislaufwirtschaft liegt zunächst nicht bei Materialien, sondern im Prozess.
Die Schweizer Ausgangslage
Die Schweiz gehört zu den Ländern mit einem extrem hohen Rohstoffverbrauch pro Kopf. Laut einer Analyse aus dem Circularity Gap Report konsumiert die Schweizer Wirtschaft rund 19 Tonnen Rohstoffe pro Person im Jahr, deutlich mehr als das langfristig nachhaltige Niveau von 8 Tonnen pro Kopf. Der Bau- und Immobiliensektor trägt dabei einen grossen Teil zu diesem Verbrauch bei, da rund 70 Millionen Tonnen Material jährlich in Bauaktivitäten umgesetzt werden, vor allem Beton, Sand und Kies.
Beton ist der dominierende Baustoff in der Schweiz. Die Schweiz konsumiert gemäss jüngsten Analysen etwa 2-3 m3 Beton pro Kopf und Jahr, deutlich über dem europäischen Durchschnitt.
Gleichzeitig verfügt die Schweiz über eine etablierte Recyclinginfrastruktur: Bis zu 80% des Betonabbruchs werden bereits heute rezykliert und als RC-Baustoff wieder eingesetzt.
Diese Zahlen zeigen klar: Wir haben keinen Mangel an Materialien oder technischem Know-how für Recyclingprojekte. Wir haben ein Problem in der Art und Weise, wie Bauvorhaben konzipiert und gesteuert werden.
Warum Kreislaufwirtschaft Prozess- statt Materialinnovation bedeutet
Viele Projekte betrachten Kreislaufwirtschaft als Zusatzmodul: «Wir setzen 25% Recyclingbeton ein» oder «Wir prüfen CO2-reduzierte Zemente». Das sind wertvolle Schritte. Aber im Kern heisst Kreislaufwirtschaft in der Schweiz: Planung in einem Projekt beginnt früher und mit anderen Fragen, bereits in der strategischen Projektdefinition.
Am Anfang stehen Fragen wie:
- Was ist der tatsächliche Bedarf des Bauherrn?
- Kann Bestand weiter genutzt werden statt Abriss und Neubau?
- Welche Varianten reduzieren Lebenszyklus-Ressourcenverbrauch, CO2-Emissionen und Kosten?
- Wie definieren wir geeignete Kenngrössen, die mehr beinhalten als nur Baukosten?
Solche Entscheidungen werden heute oft zu spät oder gar nicht getroffen, weil die traditionellen Projektprozesse auf Effizienz in linearen Abläufen ausgerichtet sind und nicht auf Optimierung des gesamten Lebenszyklus.
Praktische Konsequenzen für Planung und Ausschreibung
In der Praxis zeigt sich, dass zirkuläre Potenziale gerade in den frühen Phasen eines Projekts entstehen:
- Planer müssen früher einbezogen werden. Es geht darum (mögliche) Materialströme systematisch zu bewerten, bevor das Material bewegt wird.
- Vorstudien und Variantenvergleiche, insbesondere Ökobilanzierungen (LCA), Lebenszykluskostenanalysen (LCC) und Zirkularität, müssen integraler Bestandteil der Planung werden. Ohne sie wird die Bewertung von Nachhaltigkeitsoptionen blind.
- Ausschreibungen müssen ökologische und zirkuläre Kriterien enthalten. Anforderungen, die allein auf Preis, Qualität oder Termintreue optimieren, verhindern die Umsetzung zirkulärer Lösungen, die oft initial höhere Planungsleistung erfordern, aber langfristig Wert schaffen.
Ein Paradigmenwechsel – «besser in jedem Projekt ein paar Prozent» statt «ein perfektes Pilotprojekt»
Aktuell erleben wir eine weitere paradoxe Dynamik: Viele Akteure setzen auf Einzelprojekte mit dem Ziel von 100% Kreislauffähigkeit als Vorzeigeprojekt. Das ist inspirierend, aber meist nicht skalierbar. In einer Branche mit grossen Volumen und hohen Investitionen, nicht zuletzt durch institutionelle Akteure wie Pensionskassen, die stark in Immobilien investieren, braucht es breit umgesetzte Verbesserungen in jedem Projekt. Selbst ein paar Prozent Verbesserung in jedem Vorhaben summiert sich schnell zu einem erheblichen Effekt auf Gesamtverbrauch und Emissionen.
Warum das Vorhaben kein Traum bleibt
Die Schweiz ist sehr gut positioniert. Betonrecycling funktioniert, Städte und Kantone setzen zunehmend auf Nachhaltigkeit in der Baupraxis und Normen werden laufend angepasst, um die neuen Anforderungen besser zu integrieren.
Aber es ist ein systemischer Wandel: Der wirkliche Hebel für Kreislaufwirtschaft liegt nicht in der nächsten Materialinnovation, sondern in der Art und Weise, wie wir Projekte denken und steuern.
Wir müssen Kreislaufwirtschaft als Prozessinnovation begreifen, nicht als Zusatz, sondern als integralen Teil unseres Projektalltags von der strategischen Planung, über Ausschreibung und Vergabe, bis zum Rückbau und zur Wiederverwendung und -verwertung.
Nur so schaffen wir in der Schweiz eine Baupraxis, die nicht nur nachhaltiger, sondern auch wirtschaftlich robuster ist. Eine Praxis, die nicht auf Einzelerfolge wartet, sondern systematisch besser wird. Und genau diese Perspektive wird uns helfen, den Sprung von linearen zu echten zirkulären Prozessen zu schaffen. Die geeigneten Materialien stehen schon heute zur Verfügung.